Kommunikationsformen in authentischen Lernumgebungen am Beispiel „Schafe“
Das ist ja Schaf!
Ziel des Projektes
Ziel war es, zu untersuchen, wie originale Begegnungen mit Tieren als authentische Lernsituation genutzt werden können, um sprachsensiblen naturwissenschaftlichen Unterricht zu fördern.
Das Projekt fand im Rahmen der universitären Lehrveranstaltung „Naturwissenschaften sprachsensibel unterrichten“ mit Lehramtsstudierenden naturwissenschaftlicher Fächer statt und wurde über mehrere Semester kontinuierlich weiterentwickelt.
Die Teilnehmenden beobachteten Unterrichtssituationen systematisch, formulierten Hypothesen und erprobten deren Aussagekraft auf schulischer Ebene, um langfristig zu einer evidenzbasierten Unterrichtspraxis beizutragen.
Relevanz
Das Projekt reagierte auf die Herausforderung, sprachliche Bildungsprozesse im naturwissenschaftlichen Unterricht nicht isoliert, sondern eng mit fachlichen Lernanlässen zu verknüpfen. Originale Begegnungen mit realen Phänomenen bieten hierfür besondere Potenziale, da sie authentische, emotional bedeutsame Situationen schaffen, in denen Lernende eigene Fragen entwickeln und sprachlich verhandeln.
Beschreibung
Konkret wurde zunächst untersucht, wie offene und geschlossene Aufgabenformate an einem außerschulischen Lernort (Projektweide mit Schafen) die fachliche Auseinandersetzung mit biologischen Inhalten (z. B. Biologie der Wiederkäuer, Tierverhalten) sowie die mündliche Kommunikation der Lernenden unterstützen. Während der gesamten Projektzeit lernten Studierende, Lernprozesse aus der Perspektive von Schülerinnen und Schülern zu antizipieren, potenzielle Interessen zu erkennen und darauf mit sprachsensiblen Lernarrangements zu reagieren.
Ausgangspunkt bildete zunächst eine eigens angelegte Projektweide auf dem Universitätsgelände mit drei Quessantschafen (Juna, Flora, Ida), die als Kern des außerschulischen Lernorts fungierten.
Eine im Projekt adressierte Fragestellung lautete, wie unterschiedliche Aufgabenformate – von stark angeleiteten, textbasierten Phasen bis hin zu offenen, handlungsorientierten Settings – Sprechfreude, kommunikative Beteiligung und kognitive Aktivierung beeinflussen.
In einer ersten Phase erwarben die Studierenden Grundkenntnisse im Umgang mit den Tieren, bauten ein Vertrauensverhältnis auf und lernten, die Schafe zu führen, um später sichere und tiergerechte Begegnungen mit Schülerinnen und Schülern zu ermöglichen. Parallel dazu setzten sie sich mit verschiedenen fachlichen Inhalten, wie der Biologie der Wiederkäuer und mit Grundlagen der Sprachbildung im Fach auseinander, um fachliche und sprachliche Ziele aufeinander zu beziehen.
Auf dieser Basis versetzten sich die Studierenden in die Perspektive von Schülerinnen und Schülern und antizipierten mögliche Fragen und Interessen, die im Kontakt mit den Schafen entstehen könnten (z. B. Verhalten, Vorlieben, Rangordnung). Daraus entwickeln sie offene Lernangebote, etwa zur Identifikation des Leitschafs, zur Erkundung individueller Futterpräferenzen oder zur Durchführung eines Schaf-Parcours mit Hürden und Slalom. In einer Projektphase konzipierten sie stärker geschlossene Lernsituationen, die auf Arbeitsblättern, Textarbeit und klar strukturierten Fragestellungen zur Biologie der Schafe basierten.
Die entwickelten Szenarien wurden zunächst in Peer-to-Peer-Unterrichtssimulationen erprobt. Die Studierenden untersuchten in diesen Settings systematisch das Kommunikationsverhalten und die Sprechfreude und dokumentierten Unterschiede zwischen offenen und geschlossenen Lernarrangements. In einem weiteren Schritt wurden ausgewählte Szenarien an Schulen umgesetzt; die Projektweide wurde hierzu als außerschulischer Lernort einbezogen. Während sämtlicher Projektphasen hatte das Tierwohl oberste Priorität, etwa durch Rückzugsbereiche und beschränkte Kontaktzeiten.
Ergebnisse
Die Auswertung der Beobachtungen und Reflexionen zeigte, dass originale Begegnungen mit den Schafen in Verbindung mit offenen, kognitiv aktivierenden Aufgabenformaten besonders reichhaltige Sprechanlässe schaffen. Lernende äußerten spontan Beobachtungen, formulierten Vermutungen und entwickelten eigene (Forschungs‑) Fragen, wodurch sowohl fachliche als auch sprachliche Lernprozesse angeregt wurden.
Demgegenüber wurde deutlich, dass eine unmittelbare, enge Anbindung an textbasierte, geschlossene Aufgaben – etwa das Bearbeiten von Arbeitsblättern mit Sachtexten – spontane Sprechimpulse eher hemmt. Für eine nachhaltige sprachliche und fachliche Vertiefung erwies sich ein rhythmisiertes Zusammenspiel aus offenen Erfahrungsphasen, reflexiven Gesprächsanlässen und zeitlich wie räumlich entkoppelten Text- und Fachwortphasen als besonders wirksam.
Im Hinblick auf die Professionalisierung der Studierenden zeigte sich, dass das Seminarkonzept das Bewusstsein für die Bedeutung sprachsensiblen Unterrichtens signifikant förderte:
Die gewonnenen Erkenntnisse wurden in empirisch fundierten Leitlinien für einen sprachsensiblen naturwissenschaftlichen Unterricht mit Originalen Begegnungen zusammengeführt und in weitere Projekte, etwa in ein Folgeprojekt mit der Physikdidaktik der Universität zu Köln überführt; in diesem wurde die Übertragbarkeit der Ergebnisse anhand erlebbarer physikalischer Phänomene im Schwimmbad überprüft und bestätigt.
Ausblick/Folgeprojekt
Inzwischen ist die Schafherde auf sieben Tiere gewachsen. Um den Herdenzusammenhalt zu wahren, da das Vereinzeln für Schafe einen erheblichen Stressfaktor darstellt, finden keine Transporte einer ausgewählten Kleingruppe statt. Begegnungen mit den Tieren im Rahmen von Lehrveranstaltungen, Lehrkräftefortbildungen, Projekttagen und tiergestützter Interventionen sind weiterhin möglich; diese finden nun am Obst- Schaf- und Erlebnishof Günthner-Habbig statt; dort führen die Tiere ein artgerechtes Leben.
Veröffentlichungen (Auswahl)
Günthner, I., Küpper, A. & Weck, H. (2018): Die sprachlichen Dimensionen im handlungsorientierten naturwissenschaftlichen Unterricht – Potenziale und Herausforderungen Originaler Begegnungen. Praxis Sprache, 63(1), 56–59.
Günthner, I., Küpper, A. & Weck, H. (2019): Originale Begegnungen im naturwissenschaftlichen Unterricht – Dimensionen (sprachlicher) Kommunikation. In: Caruso, C. et al. (Hrsg.): Sprache im Unterricht. Ansätze, Konzepte und Methoden. Trier: WVT
Auf einen Blick
| Das ist ja Schaf! Kommunikationsformen in authentischen Lernumgebungen am Beispiel „Schafe“ | |
|---|---|
| Förderer | Die Schafe sowie das gesamte weitere Equipment, wie der Schaf-Parcours und ausgewählte Unterrichtsamterialien wurden vom Obst- Schaf- und Erlebnishof Günthner-Habbig in Euskirchen zur Verfügung gestellt. |
| Laufzeit | Sommersemester 2017 – 2020 an Schulen und auf dem Gelände der Universität zu Köln Während der Corona-Epidemie ruhend Seit 2022 am Obst-Schaf- und Erlebnishof Günthner-Habbig, Euskirchen |
| Projektleiterin/Projektleiter | Dr. Iris Günthner |
| Projektteam/Projektmitarbeiterinnen/Projektmitarbeiter | Die Quessantschafe Juna (2024 verstorben), Flora, Ida, Lilie, Merle, Holly, Paule und Percy. |
Ihre Ansprechperson