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Mehrsprachigkeit weiterdenken – Impulse aus Forschung und Praxis

Dokumentation der Jahrestagung am 2. und 3. März 2026 an der Universität zu Köln

Unter dem Titel „Mehrsprachigkeit in sprachlichen und fachlichen Lehr-Lern-Umgebungen“ lud das Mercator-Institut zu seiner 13. Jahrestagung ein. Die Tagung richtete sich wie in den vergangenen Jahren an Forschende, Lehrkräfte und Akteur:innen aus der Bildungsadministration. Rund 250 Teilnehmende kamen an die Universität zu Köln, um die zweitägige Veranstaltung zu besuchen.

Video der Eröffnung

Schwerpunkte der Jahrestagung des Mercator-Instituts 2026

Wie gelingt es, der sprachlichen Vielfalt in heutigen Klassenzimmern und Kitas gerecht zu werden? Wie lassen sich mehrsprachige Kompetenzen nicht nur wertschätzen, sondern auch didaktisch nutzen? Welche Konzepte haben sich hier in den vergangenen Jahren als besonders fruchtbar erwiesen, um fachliche wie sprachliche Lehr-Lern-Settings mehrsprachigkeitsorientiert zu gestalten? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigte sich die zweitägige Veranstaltung.

Die rund 250 Teilnehmenden waren dazu eingeladen, gemeinsam zu diskutieren, inwiefern Mehrsprachigkeit an Bildungsinstitutionen stärker sicht- und hörbar gemacht werden kann und wie sich die Mehrsprachigkeit in verschiedenen Fächern gezielt fördern lässt. In verschiedenen Formaten wurden aktuelle Themen aus Praxis und Forschung gemeinsam erörtert, Forschungsergebnisse präsentiert und Erfahrungen ausgetauscht, um neue Ideen und Lösungsansätze zu generieren. 

Ziel der Tagung war es, über Bildungsetappen, Fachgrenzen und institutionelle Strukturen hinweg Impulsräume für wissenschaftlichen Austausch, Vernetzung und kooperative Weiterentwicklungen zu schaffen, um sprachliche wie fachliche Lehr-Lern-Umgebungen langfristig noch besser an die Bedürfnisse mehrsprachiger Lernender anzupassen.

Prof. Dr. Hans-Joachim Roth über das Tagungsthema

Prof. Dr. Hans-Joachim Roth, Direktor des Mercator-Instituts, eröffnete die Jahrestagung mit einer Begrüßung und Einführung in das Veranstaltungsthema. 

Er erörterte die Bedeutung von Mehrsprachigkeit für die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen und deren Berücksichtigung in Schule und Unterricht, in der Professionalisierung von Lehrkräften sowie die Partizipation in Staat und Gesellschaft. 

Mehrsprachigkeit stehe in der Jahrestagung als Ressource im Vordergrund, erklärte Roth. Ziel der Veranstaltung sei es, dazu Diskursräume zu eröffnen, Befunde zu diskutieren sowie unterschiedliche Perspektiven zu versammeln und Kommunikation zu ermöglichen. 

Vor diesem Hintergrund verwies er auch auf die veränderte Ausrichtung des Instituts: An den bisherigen Themen werde weitergearbeitet, dabei werde aber stärker die Mehrsprachigkeit fokussiert, was auch mit dem neuen Namen als „Mercator-Institut für Mehrsprachigkeit und sprachliche Bildung“ zum Ausdruck gebracht werde.

Video der Einführung

Podiumsdiskussion: Mehrsprachigkeit in Wissenschaft, Praxis und Bildungsadministration

Die anschließende Podiumsdiskussion widmete sich dem Thema Mehrsprachigkeit im Spiegel von Wissenschaft, Praxis und Bildungsadministration. Es diskutierten Prof.in Dr. Dr. h.c. mult. Ingrid Gogolin, Professorin [hjr1] für Interkulturelle und International Vergleichende Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, und Mostapha Boukllouâ, Leiter des Referats Integration durch Bildung im Ministerium für Schule und Bildung des Landes Nordrhein-Westfalen. Moderiert wurde dieser Programmpunkt wie die gesamte Veranstaltung von Dr.in Ina-Maria Maahs, wissenschaftliche Koordinatorin am Mercator-Institut. Die Diskutant:innen waren sich einig, dass Mehrsprachigkeit eine bedeutsame Ressource für Schüler:innen sei: 

  • Mehrsprachigkeit kann einen Beitrag für den Schulerfolg leisten
  • Mehrsprachigkeit kann die Selbstwirksamkeit und damit die Teilhabe von Lernenden stärken
  • Mehrsprachigkeit ist auch unter wirtschaftlichen Aspekten wertvoll für Individuen und die Gesellschaft
  • Anerkennung der Mehrsprachigkeit fördert die Motivation von Lernenden
  • Der Einbezug von Sprache(n) in fachliches Lernen hilft beim Wissenserwerb
  • Sprachkenntnisse können einen besseren Zugang zu qualifizierten Berufen ermöglichen 
  • „Mehrsprachigkeit macht Spaß“ (Prof.in Dr. Dr. Ingrid Gogolin)

Das Podiumsgespräch nutzte ein neues Format, in dem auch noch die Bedingungen zur Sprache kamen, unter denen die verschiedenen Möglichkeiten wirklich werden können: In Form von Videobeiträgen brachten Lehrkräfte verschiedener Schulen aus ganz Deutschland ihre individuellen Erfahrungen im Umgang mit Mehrsprachigkeit in Schule und Unterricht ein. Sie betonten vor allem die Potenziale – Motivation, Persönlichkeitsentwicklung und Wertschätzung waren dabei zentrale Stichworte. Auch Auswirkungen auf Verstehensprozesse im Unterricht, die Fach- und Bildungssprache und die Entwicklung einer Sprachbewusstheit wurden benannt.  

Ingrid Gogolin folgerte daraus, dass Mehrsprachigkeit noch stärker ein Element des täglichen Miteinanders in der Schule werden solle. In NRW, so Mostapha Boukllouâ, gebe es Programme und Projekte mit mehrsprachigem Unterricht im Tandem mit Lehrkräften aus dem herkunftssprachlichen Unterricht, an die man anknüpfen könne. 

Einig war sich die Runde, dass der Einbezug von Mehrsprachigkeit auch Herausforderungen mit sich bringe. Dabei sei es wichtig, dass Lehrkräfte nicht immer alles kontrollieren müssen, sondern es zulassen und anleiten können, dass Kinder und Jugendliche ihr gesamtes sprachliches Potenzial nutzen. Dafür sei ein stärkerer Einbezug der Mehrsprachigkeit in der Lehrkräfteaus- und -weiterbildung nötig, betonte Mostapha Boukllouâ.

Als Herausforderungen von Mehrsprachigkeit benannten die Teilnehmenden beispielsweise

  • eine Defizitperspektive auf Mehrsprachigkeit
  • fehlende Förderung der Herkunftssprache
  • unterschiedliches Sprachprestige von Herkunftssprachen

Zentral sei die Haltung der Lehrkräfte zum Thema Mehrsprachigkeit in der Schule, stellte Mostapha Boukllouâ fest. Bei Schulentwicklung und Lehrerfortbildung müsse in diese Richtung gearbeitet werden, ergänzt er. Der gelingende Transfer von wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema Mehrsprachigkeit in die Praxis sei ebenfalls förderlich, erläuterte Ingrid Gogolin. 

In den Videobeiträgen äußerten die Lehrkräfte ebenfalls den Wunsch nach mehr Einbezug des Themas Mehrsprachigkeit in die Lehrkräfteaus- und -fortbildung, beispielsweise durch entsprechende Materialien für den Unterricht, insbesondere für Oberstufe, Berufskolleg und berufliche Schule. Auch kleinere Klassen mit Doppelbesetzung und der Einbezug des Ganztags wurden genannt.

Video der Podiumsdiskussion

Vielfältige Impulse bei der Postersession

In einer anschließenden Postersession wurden über 20 Projekte und Konzepte aus Praxis und Forschung rund um das Thema Mehrsprachigkeit in verschiedenen Lehr-Lern-Kontexten vorgestellt. Teilnehmende konnten in der von Prof. Roth und Jun.Prof.in Nora von Dewitz vom Mercator-Institut moderierten Posterschau viele Impulse und Informationen mitnehmen – beispielsweise, wie man Mehrsprachigkeit unter Lernenden sichtbarer machen kann.

Video der Postersession

Bildergalerie Poster

Einstieg mit den Planetenspatzen – der zweite Tag der Jahrestagung des Mercator-Instituts

Den zweiten Tag der Jahrestagung eröffnete die Kinderbuchautorin und Geschichtenerzählerin Andrea Karimé mit einer mehrsprachigen Lesung. Unter dem Titel "Kuschvogel und Matschkakatze" stellte sie verschiedene Gedichte aus ihren mehrsprachigen Kinderbüchern vor. Die Ideen für ihre Gedichte und Geschichten entstehen im Rahmen ihrer Lesungen, die sie etwa auf Schulveranstaltungen, in Kitas oder Bibliotheken hält. Hier lässt sich die Geschichtenerzählerin immer wieder neue Wörter in unterschiedlichen Sprachen von Kindern „schenken“, die sie als Inspiration nutzt. „Jedes Wort ist der Ausgangspunkt für eine Geschichte“, sagt Andrea Karimé.

In der Autorenlesung auf der Jahrestagung präsentierte sie auf diese Weise entstandene mehrsprachige Gedichte, die auf spielerische Art Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedener Sprachen poetisch in den Fokus setzen. Unter anderem stellte sie ein mehrsprachiges Bilderbuch vor, das den Begriff „Frieden“ thematisiert. Titel des Buches ist: „Ein Feder-Bär und die Friedens-Maschini“. In verschiedensten Sprachen – wie beispielsweise Hebräisch, Finnisch, Kiswahili oder Ukrainisch – erzählt die Autorin in dieser Gedicht-Geschichte von der großen Sehnsucht nach Frieden.

Video der Lesung

Prof.in Dr. Natalia Gagarina: Potenziale der Mehrsprachigkeitsforschung

Im Anschluss sprach Prof.in Dr. Natalia Gagarina vom Leibniz-Zentrum Allgemeine Sprachwissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin. Thema ihrer Keynote war „Potenziale der Mehrsprachigkeitsforschung für sprachlich-fachliche Lernprozesse“. In ihrem Vortrag zeigte sie, wie Erkenntnisse der Mehrsprachigkeitsforschung zur evidenzbasierten Weiterentwicklung sprachlicher und fachlicher Lehr-Lern-Umgebungen beitragen können. 

Die Forscherin stellte dar, wie das Sprachenlernen sich im Laufe der kindlichen Entwicklung vollzieht und welche Faktoren die Sprachentwicklung beeinflussen. Anhand von zentralen Erkenntnissen aus Forschungsprojekten und Studien machte sie deutlich, wie entscheidend frühkindliches Lernen und eine frühe sprachliche Förderung für sprachliche Lernprozesse sind. Bereits im frühen Alter von zwei Jahren könne man wichtige Grundlagen für spätere sprachliche Kompetenzen – etwa im Lesen – legen. „Der Wortschatzumfang ist sehr, sehr wichtig“, betonte die Sprachwissenschaftlerin in Bezug auf die sprachliche Entwicklung von Kleinkindern. Beispielsweise sei der Wortschatz im Kindergarten ein entscheidender Faktor für das spätere Lese-Verständnis. Ihr Appell lautet daher, bereits frühzeitig „harmonische und inputreiche Lehr-Lern-Umgebungen“ zu schaffen, die sowohl Herkunftssprachen als auch die Zielsprache Deutsch einbinden. 

Video der Keynote

Abschlussrunde und gemeinsamer Austausch

In der Abschlussrunde der Jahrestagung diskutierten Vertreter:innen aller drei Phasen der Lehrkräftebildung, welche Bedeutung die gewonnenen Erkenntnisse und Praxisimpulse aus den zurückliegenden Veranstaltungsformaten für die Professionalisierung von Lehrkräften haben.

An der Runde beteiligt war Prof.in Dr. Heike Roll als Vertreterin aus der universitären Lehrkräfteausbildung. Sie ist Professorin für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache am Institut für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache der Universität Duisburg-Essen sowie Sprecherin des dortigen Instituts für fachorientierte Sprachbildung und Mehrsprachigkeit am Zentrum für Lehrkräftebildung. 

Für die zweite Phase, den Vorbereitungsdienst, nahm Katharina Wiebe an der Runde teil. Sie war lange Jahre als Grundschullehrerin tätig und ist seit einigen Jahren hauptamtliche Ausbilderin für Deutsch an der Grundschule am Studienseminar in Wiesbaden.

Hendrik Stammermann vertrat die Lehrkräftefort- und -weiterbildung (dritte Phase) beim Austausch. Er leitet seit 2018 das Referat Sprachen sowie die Stabsstelle Wissenstransfer am Landesinstitut für Qualifizierung und Qualitätsentwicklung an Schulen in Hamburg. Zuvor war er Lehrer für Deutsch und Englisch sowie Fortbildner für das Fach Deutsch in der Sekundarstufe II.

Die Runde beschäftigte sich mit dem Thema Mehrsprachigkeit aus dem Blickwinkel der drei Phasen der Lehrkräftebildung. Stichworte wie Freude an Vielfalt, Wertschätzung und Theorie-Praxis-Kluft fielen beim Auftakt der Diskussion. 

Alle drei Diskutant:innen konnten über den Einbezug von Mehrsprachigkeit in ihrer Phase der Lehrkräftebildung berichten, je nach Bundesland und Phase in unterschiedlicher Form und Intensität. Sie plädierten für mehr Kontinuität zwischen den einzelnen Phasen im Sinne einer durchgängigen Sprachbildung. Die Haltung zur Mehrsprachigkeit ist laut den drei Teilnehmenden der Abschlussrunde ein wichtiger Aspekt für deren Akzeptanz. Generell müsse„Mehrsprachigkeit“ – und ebenso „Mehrschriftigkeit“ – noch weiter etabliert werden. Studierende und Lehrkräfte in der Praxis könnten noch mehr dafür tun, dass Mehrsprachigkeit ein relevanter Lerngegenstand für alle Fächer wird. Entsprechende Materialien für die Lehre und für den Unterricht könnten hierbei unterstützen. Mehrsprachigkeit im Unterricht solle ebenfalls an den herkunftssprachlichen Unterricht und den sprachsensiblen Fachunterricht anschließen. Die Einbeziehung der Fachdidaktiken wurde als bedeutsam für die schulische Konzeption und Umsetzung sprachlicher Bildung betont. Die Verbindung von Mehrsprachigkeit und Fachlichkeit sei wichtig, denn Sprachkompetenz sei in allen Fächern zentral.

Video der Abschlussrunde

Die parallelen Formate

Fachgespräch: Basiskompetenzen fördern – mehrsprachig?

Leitung: Rebekka Wanka, Sandra Tietjens

Referent:innen:

  • Antje Hansen (Lehrkraft in einer Hamburger Grundschule und aktiv bei Coach@school)
  • Döndü Öztürk (HSU-Lehrkraft an einer teilnehmenden Grundschule im Projekt „Grundschulbildung stärken durch HSU – Mehrsprachigkeit unterstützt den Bildungserfolg der Kinder“)
  • Yeliz Seven (Lehrkraft an einer einer teilnehmenden Grundschule im Projekt „Grundschulbildung stärken durch HSU – Mehrsprachigkeit unterstützt den Bildungserfolg der Kinder“)
  • Petr Frantik (Programmleiter von „Grundschulbildung stärken durch HSU – Mehrsprachigkeit unterstützt den Bildungserfolg der Kinder“)
  • Prof.in Dr. Christiane Bongartz (Lehrstuhl English Linguistics and Multilingualism, Universität zu Köln)

In einer offenen Fishbowl-Diskussion tauschten sich Vertreter:innen aus Praxis und Wissenschaft mit den Teilnehmenden darüber aus, wie die Potenziale schulischer Mehrsprachigkeit für Bildungserfolg, Bildungsgerechtigkeit und eine wertschätzende Schulkultur genutzt werden können und welche strukturellen und pädagogischen Voraussetzungen dafür erforderlich sind.

Konsens bestand darin, dass die Einbindung mehrsprachiger Kompetenzen zum Bildungserfolg und zu mehr Bildungsgerechtigkeit beitragen kann, indem sie Lernmotivation, Selbstbewusstsein und interkulturelle Kompetenzen stärkt und eine wertschätzende Schulkultur sowie Demokratiebildung unterstützt. Dazu müsse Mehrsprachigkeit sowohl auf Ebene der Unterrichts- und Schulentwicklung als auch in der Lehrkräftebildung verankert werden. Ansatzpunkte seien hier unter anderem die Haltung von Lehrkräften, die Nutzung mehrsprachiger Ressourcen als Lernchance sowie eine Einbindung der Eltern. Auch die Unterstützung der Schulleitungen, eine curriculare Verankerung von Mehrsprachigkeit sowie eine fächerübergreifende Arbeit im Kollegium und klare Vorgaben aus der Politik seien wichtige Aspekte für eine erfolgreiche Implementierung.

Mit Blick auf die Vermittlung der Basiskompetenzen wurde festgehalten, dass sich die Sicherung der Basiskompetenzen im Deutschen und die Nutzung mehrsprachiger Ressourcen keineswegs ausschließen: Es handelt sich nicht um ein „entweder – oder“, sondern um ein „sowohl – als auch“. So könnten beispielsweise durch mehrsprachige Bücherkoffer, angepasste Anlauttabellen oder mehrsprachige Hörbücher Synergieeffekte erzielt werden.

Grundsätzlich sei ein Umdenken erforderlich: weg von der Frage, welche Sprachen gebraucht werden, hin zu Offenheit gegenüber allen Sprachen, die vorhanden sind.

Fachgespräch: Mehrsprachigkeit in Lehrwerken – Lehrkräfte, Wissenschaft und Verlage im Gespräch

Leitung: Dr.in Lena Decker, Dr.in Irene Corvacho del Toro

Referent:innen:

  • Janine Dietermann (Lehrkraft am Städtischen Gymnasium in Olpe)
  • Dr.in Sonja Hensel (Lehrkraft am Berufskolleg in Siegburg und Mitherausgeberin des Lehrwerks „Das Deutschbuch für die Fachhochschulreife)
  • Prof.in Dr. Gesa Maren Siebert-Ott (bis Febr. 2020 Professorin für Sprachpädagogik und Sprachdidaktik an der Universität Siegen)
  • Beatrix Burghaus (Lehrkraft an der Düringerschule in Olpe (Grundschule))


Wenn sich die gesellschaftliche Mehrsprachigkeit in Lehrwerken widerspiegelt, eröffnet dies mehrsprachigen Schüler:innen Handlungsspielräume, die über die Möglichkeiten eines ausschließlich deutschsprachigen Unterrichts hinausgehen. Dennoch finden viele mehrsprachige Materialien, die von Lehrkräften entwickelt und verwendet werden, nur selten Eingang in Lehrwerke. In dem Fachgespräch diskutierten Vertreter:innen aller beteiligten Bereiche – Verlage, Lehrkräfte aus Primar- und Sekundarstufe sowie Wissenschaft – darüber, wie Mehrsprachigkeit einen breiteren Zugang in Lehrwerke erhält. Beispielsweise sei es wichtig – so ein Ansatz in der Arbeitsgruppe –, Verlage wissenschaftlich zu begleiten und eine engere Zusammenarbeit zwischen Verlagen und Wissenschaft im Bereich Mehrsprachigkeit zu schaffen.

Fachgespräch: Quo vadis Herkunftssprachlicher Unterricht (HSU)?

Leitung: Prof.in Helena Olfert (Universität Osnabrück), Prof. Dr. Till Woerfel (PH Zürich), Hannah Koch (Universität Osnabrück), Maria Sulimova (Universität Leipzig)

Referent:innen:

  • Dr.in Jule Böhmer (Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung, Hansestadt Hamburg)
  • Dr.in Dorota Okonska (Universität Duisburg-Essen)
  • Dr.in Dita Vogel (Universität Bremen)
  • Jihyoung Gemma Han (Verband der Schulleiter der Koreanischen Schulen in Deutschland)
  • Kira Sadoja (Schulamt Düsseldorf / Bezirksregierung Düsseldorf (Bereich Qualifizierung für HSU-Lehrkräfte))
  • Kadir Çetin (Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlandes)
     

Das Format bot einen Austausch auf und mit dem Podium über Chancen und Hindernisse des Herkunftssprachlichen Unterrichts (HSU), seine strukturelle Verankerung, die Einbindung von Mehrsprachigkeit und aktuelle Herausforderungen. Im Mittelpunkt stand die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des HSU im Dialog zwischen Wissenschaft, Praxis, Bildungsadministration und außerschulischen Akteuren.
 
Diskutiert wurde zunächst die – nach wie vor offene – Frage einer treffenden Bezeichnung. Neben Herkunftssprachenunterricht wurden unter anderem Erstsprachenunterricht und eine Öffnung hin zu einem allgemeinen Sprachenunterricht thematisiert. Dabei wurde deutlich, dass mit den unterschiedlichen Bezeichnungen jeweils auch Vorstellungen von Herkunft, Zugehörigkeit und sprachlichen Kompetenzen verbunden sind. Zugleich bestand Einigkeit darüber, dass eine neue Bezeichnung allein die strukturellen Herausforderungen des HSU nicht lösen kann.

Eng damit verbunden war die Frage nach der Einbindung des HSU in die Schule. Thematisiert wurden insbesondere die weiterhin bestehende Trennung zwischen Fremdsprachen- und Herkunftssprachenunterricht, die Anerkennung der im HSU erworbenen Kompetenzen sowie Möglichkeiten, die betreffenden Sprachen stärker in den schulischen Sprachenkanon zu integrieren. Diskutiert wurden Möglichkeiten einer stärkeren Anerkennung des HSU in der Sekundarstufe, die Rolle von Sprachfeststellungsprüfungen sowie Perspektiven, Herkunftssprachen langfristig stärker mit regulär unterrichteten Fremdsprachen gleichzustellen.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Kooperation mit dem Regelunterricht – nicht nur im Fach Deutsch, sondern auch mit den Sachfächern und im Rahmen von Schulentwicklung. Als ein möglicher Entwicklungsraum wurde dabei auch der Ganztag genannt. Zugleich zeigte sich, dass sich die Ausgangslagen und Rahmenbedingungen zwischen Sprachen und Bundesländern deutlich unterscheiden.

Im Hinblick auf Ausbildung und Professionalisierung wurde ein weiterhin bestehender Entwicklungsbedarf deutlich. Diskutiert wurde, wie Mehrsprachigkeit und HSU sowohl in der Lehrkräftebildung als auch in der Fortbildung stärker verankert werden können. Als Beispiel wurde der Teilstudiengang „Deutsch für Schülerinnen und Schüler mit Zuwanderungsgeschichte“ (DSSZ) mit Schwerpunkt HSU Türkisch in der Grundschullehramtsausbildung an der Universität Duisburg-Essen angeführt. Solche Angebote könnten dazu beitragen, auch für Sprachen und Bereiche Qualifizierungsstrukturen zu schaffen, die bislang nicht regulär in den Stundentafeln der Länder verankert sind. Zugleich ging es um Qualifizierungs- und Fortbildungsangebote für bereits tätige HSU-Lehrkräfte und um die Frage, wie Hochschulen ihre Lehrveranstaltungen stärker für diese Zielgruppe öffnen können. Auch die Entwicklung und gemeinsame Nutzung von Unterrichtsmaterialien, digitale Plattformen sowie Möglichkeiten einer nachhaltigen Bereitstellung von Materialien wurden im Zusammenhang mit Professionalisierung und Vernetzung thematisiert.

Als übergreifende Perspektive des Fachgesprächs zeigte sich, dass die Weiterentwicklung von Mehrsprachigkeit und Herkunftssprachlichem Unterricht sowohl bildungspolitische und institutionelle Entscheidungen als auch Initiativen aus Hochschulen, Schulen, Bildungsadministration, außerschulischen Trägern und Communities erfordert. Entsprechend wurde die Bedeutung eines Zusammenspiels von „top down“ und „bottom up“ hervorgehoben. Gerade der intensive Austausch zwischen Podium und Plenum machte deutlich, wie viel Expertise hierfür bereits vorhanden ist – und wie wichtig es ist, diese Perspektiven miteinander ins Gespräch zu bringen.
 

Praxisworkshop: Fehler? Kompetenz! Ein Workshop zur ressourcenorientierten Sprachdiagnostik in mehrsprachigen Lernkontexten

Leitung: Rode Veiga-Pfeifer, Kathrin Drews

Das Format bot eine intensive Praxiserprobung einer Sprachdiagnostikmethode, die die sprachlichen Kompetenzen und Mehrsprachigkeit der Lernenden in den Mittelpunkt stellt: die kompetenzenorientierte linguistische Lerner:innentextanalyse (KLLA). Dabei zeigte der Workshop, wie wichtig das Sprachbewusstsein sowohl der Lernenden als auch der Lehrenden für die Sprachbildung ist und wie mit verhältnismäßig wenig Zeitaufwand die Erstsprachen von Lernenden in die Diagnostik einbezogen werden können.

In dem Format konnte die Methode praktisch unter Anleitung in der Kleingruppe erprobt werden. Dies ermöglichte es, Stärken, Potenziale und Herausforderungen selbst zu entdecken, zu diskutieren und ein Gefühl für die Anwendung zu erhalten.

Symposium: Mehrsprachigkeit und metasprachliches Bewusstsein im Sprachunterricht

Leitung: Dr. Christoph Gantefort, Dr. Muhammed Akbulut

Referent:innen:

  • Anja Steinlen & Thorsten Piske (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg): „Die Eignung bilingualer Programme für Kinder mit türkischer und arabischer Herkunftssprache: Eine explorative Studie zum Erlernen der Fremdsprache Englisch und der Schulsprache Deutsch”
  • Antje Köpnick (Universität Greifswald): „Die Mehrsprachige Lernumgebung in der Grundschule. Material zur fächer- und sprachenübergreifenden Arbeit mit dem Schwerpunkt Niederdeutschvermittlung”
  • Snježana Lazarić-Dippert (Wien): „Translanguaging auf der Bühne: Wie mehrsprachiges Figurentheater metasprachliche Fähigkeiten und Fremdsprachenbewusstsein der Schüler:innen unterstützt Professionalisierung"
  • Kristina Förster & Nils Jäkel (Universität Hildesheim): „Translanguaging-orientierte Professionalisierung im EFL-Lehramtsstudium: Entwicklung metasprachlicher Bewusstheit und motivationaler Orientierungen durch Forschendes Lernen”
  • Christa Kieferle & Katarina Groth (Staatsinstitut für Frühpädagogik Bayern): „Professionalisierung für mehrsprachigkeitssensible Praxis: Einführung eines translanguaging-orientierten Ansatzes in Sprach-Kitas”
  • Hannes Schweiger, Miriam Weidl, Jelena Altomare-Stanišić und Amina Račević (Universität Wien): „Lehrer*innenbildung mit SAG’S MULTI: Grundlagen und exemplarische Materialien zur Professionalisierung für einen mehrsprachigkeitsförderlichen Unterricht"


Das Symposium bot einen facettenreichen Blick auf das Thema Mehrsprachigkeit von der Kita bis zur Schule, wobei sowohl Kompetenzen auf Seiten der Lernenden als auch die der Lehr- und Fachkräfte im Mittelpunkt standen. Das Thema wurde in sechs Kurzvorträgen mit jeweils anschließender Diskussion behandelt. Dabei zeigten die Beiträge, wie unterschiedlich und kreativ metasprachliches Bewusstsein gefördert werden kann. Die Teilnehmenden erhielten einen vielseitigen Einblick in die Mehrsprachigkeitsforschung an Schulen und Kitas.

Ein Beitrag zur Niederdeutschvermittlung in Schulen offenbarte beispielsweise eine sonst wenig beleuchtete Facette des Themas Mehrsprachigkeit. Weitere Vorträge fokussierten die Prozesse des Translanguaging – also die Nutzung des gesamten sprachlichen Repertoires – etwa auf der Bühne am Beispiel eines mehrsprachigen Figurentheaters und in der täglichen Praxis von Kitas. Es wurde deutlich, wie wichtig es ist, möglichst früh das gesamtsprachliche Repertoire von Kindern zu wecken und zu aktivieren. Dabei kann das Translanguaging eine zentrale Rolle spielen, da es hierbei nicht um eine willkürliche Mischung von separaten Sprachen geht, die die Kinder vom Deutschlernen abhält, sondern im Gegenteil ein eigenes Sprachsystem entsteht, das einen unverzichtbaren Zwischenschritt beim Erlernen der deutschen Sprache darstellt.

Symposium: Stimmen der Lernenden

Leitung: Dr. Marco Triulzi, Dr.in Ina-Maria Maahs

Referent:innen und Vortragstitel:

  • Dr.in Eva Knopp (Radboud Universiteit Nijmegen): „Er spricht beide Sprachen gleichzeitig … warum sollte das traurig sein?“: Eine Szenario-Methode zur Elizitation der Einstellungen niederländischer Grundschulkindern im Alter von 8 bis 12 Jahren
  • Dr.in Astrid Jurecka (Goethe-Universität Frankfurt), Jun.-Prof.in Dr. Rebecca Höhr (Pädagogische Hochschule Ludwigsburg), Prof. Dr.in Ilonca Hardy (Goethe-Universität Frankfurt), Dr.in Anna Volodina (Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) an der Humboldt-Universität zu Berlin), Dr.in Anja Riemenschneider (Technische Universität Dortmund) & Prof.in Dr. Birgit Heppt (Technische Universität Dortmund): „Wie Kinder Mehrsprachigkeit im schulischen Kontext erleben und welche Rolle die Unterrichtsgestaltung dabei spielt – Schüler:innenperspektiven im Grundschulunterricht”
  • Eva Gerber (Universität Leipzig): „Warum soll man einem Kind nicht das erlauben, was es kann?“ - Perspektiven von Grundschulkindern auf Mehrsprachigkeit in der Schule
  • Jun.-Prof.in Dr. Nora von Dewitz (Universität zu Köln), Natalie Burr (Schiller-Gymnasium Köln), Rümeysa Karatas (Carl-von-Ossietzky-Gesamtschule Köln): „Die kann mir nicht meine Sprache verbieten“ – Sprachregelungen aus Schüler:innenperspektive
  • Franzisca Hebald (Universität Duisburg-Essen), Prof. Dr. Lars Schmelter (Universität Wuppertal) & Prof.in Dr. Kerstin Göbel (Universität Duisburg-Essen): Zusammenhänge zwischen motivationsunterstützenden Unterrichtsmerkmalen und der Bewertung mehrsprachigkeitsorientierter Aufgaben im Französischunterricht der Sek. I – Analysen aus dem Projekt Franzimo („Französisch als 2. Fremdsprache: interkulturell und mehrsprachigkeitsorientiert“)
  • Prof.in Dr. Inger Petersen, Dr.in Sonja Domes, Dr.in Göntje Erichsen & Thi Thuy Hoang (Christian-Albrechts-Universität zu Kiel): Zwischen Mehrsprachigkeitskompetenz und Assimilationsdruck: Perspektiven L2-Lernender auf Mehrsprachigkeit in der Pflegeausbildung


Im Symposium gaben Wissenschaftlerinnen einen Einblick in fünf wissenschaftliche Studien, die die Perspektive der Lernenden in den Mittelpunkt stellen – ein bislang wenig erforschtes, aber hoch relevantes Feld der sprachlichen Bildung. In kurzen Beiträgen wurden die Studien und Ergebnisse vorgestellt und anschließend gemeinsam diskutiert.

Ein Beitrag stellte etwa eine Szenario-Methode zur Erhebung von Einstellungen bei niederländischen Grundschulkindern vor. Sie zeigt, wie Kinder mehrsprachige Situationen wahrnehmen und bewerten. Anschließend wurde gemeinsam diskutiert, ob und wie diese beispielsweise auch bei Jugendlichen eingesetzt werden könne.

Weitere Beiträge beleuchteten, wie Kinder Mehrsprachigkeit im Unterricht erleben und welche Rolle die Unterrichtsgestaltung dabei spielt. Es wurde deutlich, dass vorhandene Materialien zur Förderung von Mehrsprachigkeit häufig nur begrenzt genutzt werden. Auch Sprachregelungen im schulischen Kontext wurden thematisiert, teilweise bewegen sich Schüler:innen hier in einem Spannungsfeld schulischer Erwartungen zwischen Einsprachigkeit und dem Wunsch ein Ort zu sein, der Vielfalt lebt und fördert.

In ihren Beiträgen resümierten die Wissenschaftlerinnen einen ausgeprägten Redebedarf unter den teilnehmenden Lernenden der unterschiedlichen Studien in Bezug auf ihre Erfahrungen zum Thema Mehrsprachigkeit.

Bilder von der 13. Jahrestagung des Mercator-Instituts

Hier finden Sie das Programm zur Jahrestagung 2026